Anxiety
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Anxiety

Behind the comic

Was erforscht ihr - in einem Satz?

Wir untersuchen, wie Menschen mit Angst und Depression ihre Umgebung wahrnehmen, interpretieren und vorhersagen, indem wir kognitive Reaktionen auf emotionale Situationen sowie Gehirn- und Herzaktivität messen.

Was zeigt der Comic?

Unser Comic veranschaulicht, wie emotionale Informationen von Menschen mit Angststörungen und Depressionen unterschiedlich wahrgenommen werden können.

Die erste Szene zeigt zwei Freundinnen, Anna und Julia, auf einem Konzert. Sie hören, wie Menschen lachen – Anna deutet es als Freude, während Julia denkt, dass sie über sie lachen.

In der zweiten Szene erhält Julia eine E-Mail. Anna denkt sofort an eine gute Nachricht, während Julia ein negatives Ergebnis erwartet, bevor sie die E-Mail überhaupt öffnet.

Die dritte Situation zeigt Julia, die sich emotional unwohl fühlt. Sie hat negativen Informationen mehr Aufmerksamkeit geschenkt, Situationen negativer interpretiert und schlechte Ergebnisse erwartet. Diese kognitiven Prozesse haben dazu beigetragen, dass es ihr schlechter geht und sie das Konzert nicht genießen kann. Die letzte Szene zeigt Julia deprimiert im Bett. Sie verdeutlicht, dass Angst- und Depressionsstörungen nicht nur „Traurigkeit" oder „Nervosität" bedeuten, sondern eine komplexe Wechselwirkung zwischen Gehirn, Körper und Denkweise beinhalten.

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse stützen eure Aussage?

Angstzustände und Depressionen gehören weltweit zu den häufigsten psychischen Problemen. Fast jeder Fünfte ist im Laufe seines Lebens davon betroffen. Die meisten Diagnosen basieren auf Selbstbeschreibungen von Gefühlen und Verhaltensweisen, die nicht immer präzise sind, was die Ermittlung der richtigen Diagnose und Behandlung erschwert.

Forschungsergebnisse zeigen, dass kognitive Verzerrungen eine zentrale Rolle bei Angstzuständen und Depressionen spielen. Dabei handelt es sich um systematische Tendenzen, Informationen voreingenommen zu verarbeiten, beispielsweise indem man sich stärker auf negative Informationen konzentriert, das Schlimmste erwartet oder neutrale Situationen als bedrohlich interpretiert. Solche Muster erschweren den Alltag und verstärken den Kreislauf von Angst oder Depression. Frühere Forschungen unserer Gruppe haben gezeigt, dass Muster kognitiver Verzerrungen die Diagnose und den Schweregrad der Symptome mit hoher Genauigkeit vorhersagen können. Dies bietet eine objektivere Grundlage für die Diagnose und bildet die Basis für zukünftige Interventionen, die auf die individuellen Schwierigkeiten jeder Person zugeschnitten sind.

Welche Missverständnisse und Grenzen gibt es?

Unsere Forschungsergebnisse zeigen nicht, dass kognitive Verzerrungen allein die Gedanken, Emotionen oder das Verhalten von Menschen bestimmen. Andere Faktoren – wie Stress und das soziale Umfeld – können beeinflussen, wie sich diese Verzerrungen äußern.

Die Unterschiede in den kognitiven Verzerrungen zwischen ängstlichen und depressiven Personen sind oft subtil und situationsabhängig. Diese Verzerrungen variieren zudem von Person zu Person, sodass nicht jeder mit derselben Störung dieselbe kognitive Verzerrung erlebt.

Es ist zudem wichtig zu bedenken, dass psychische Störungen in der Regel durch mehrere kognitive Verzerrungen beeinflusst werden. Aus diesem Grund führt die Behandlung einer einzelnen Verzerrung nicht zwangsläufig zum Verschwinden der Symptome.

Manche Behandlungsansätze zielen darauf ab, kognitive Verzerrungen zu verringern, um die Symptome zu lindern, doch die Ergebnisse sind gemischt: Einige Studien zeigen eine Besserung, während andere nur geringe oder gar keine Wirkung feststellen. Insgesamt sollten kognitive Verzerrungen als ein Teil eines viel größeren Puzzles betrachtet werden, in dem viele Faktoren zusammenwirken.

Welche Fragen sind noch offen?

Viele wichtige Fragen sind noch unbeantwortet. Die Forscher wissen noch nicht genau, ob kognitive Verzerrungen zur Entstehung psychischer Störungen beitragen, als Folge davon auftreten oder beides. Beispielsweise konzentrieren sich Menschen mit Angstzuständen oft stärker auf Bedrohungen, doch ist unklar, ob diese „Fokussierung auf Bedrohungen“ der Angst vorausgeht oder sich aufgrund dieser entwickelt.

Es ist auch unklar, warum manche Menschen, die keine psychischen Probleme haben, dennoch kognitive Verzerrungen zeigen. Manche Menschen sind möglicherweise anfälliger als andere, aber es ist noch nicht gut verstanden, was bestimmte Personen davor schützt, Störungen zu entwickeln.

Eine weitere offene Frage ist, ob kognitive Verzerrungen dauerhafte Eigenschaften, vorübergehende Reaktionen auf bestimmte Situationen oder etwas sind, das sich je nach Stimmung und Lebensumständen ändert.

Wichtig ist, dass Forscher nach wie vor versuchen zu verstehen, warum Menschen mit derselben Diagnose unterschiedlich auf ähnliche Situationen reagieren. Schließlich ist noch nicht klar, welche Behandlungen am besten wirken, wer am meisten davon profitiert und wie lange etwaige Verbesserungen anhalten.

Wie könnte das die Medizin beeinflussen?

Die Diagnose psychiatrischer Störungen stützt sich derzeit auf selbst berichtete Symptome, was zu ungenauen Diagnosen und Behandlungen führt. Mehr als die Hälfte der Menschen mit Angstzuständen und Depressionen profitiert nicht von den bestehenden Behandlungsmethoden, und die Suche nach dem richtigen Medikament nach einer Diagnose kann Monate dauern.

Durch die Identifizierung individueller kognitiver Verzerrungen in Verbindung mit Reaktionen von Gehirn und Körper wird es möglich, Störungen genauer zu diagnostizieren und den Betroffenen Behandlungen zuzuweisen, die auf spezifische Reaktionsmuster abzielen. Jemand, der viele negative Erwartungen hat, spricht möglicherweise besser auf kognitive Umstrukturierung an, während jemand mit starker physiologischer Reaktivität eher von körperbasierten Ansätzen profitieren könnte.

Dies bedeutet auch, dass kognitive Verzerrungen gemessen werden können, bevor die Symptome schwerwiegend werden, sodass eine personalisierte Unterstützung beginnen könnte, bevor eine Krise eintritt. Langfristig ist dieser Wandel von einer reaktiven zu einer proaktiven, individualisierten Versorgung eine der vielversprechendsten Richtungen in der psychischen Gesundheit.

Welche gesellschaftlichen Fragen entstehen daraus?

Diese Forschung ebnet den Weg für eine individuellere psychische Gesundheitsversorgung. Ärzt*innen könnten dazu übergehen, Behandlungen anzubieten, die auf die spezifischen kognitiven, emotionalen und physiologischen Reaktionsmuster jedes Einzelnen zugeschnitten sind. Dies könnte den langwierigen Prozess des Ausprobierens verkürzen, den viele Menschen durchlaufen. Außerdem trägt es dazu bei, Angstzustände und Depressionen als messbare Prozesse und nicht als persönliches Versagen zu betrachten, was die Stigmatisierung verringern könnte.

Der Fokus auf Messungen sollte jedoch nicht auf Kosten der individuellen Erfahrung gehen. Unsere Methoden sollten stets klinische Gespräche unterstützen und in diese integriert werden, in denen Ärzt*innen die Hilfesuchenden weiterhin fragen, wie sie sich fühlen und was sie über ihre Schwierigkeiten denken. Zweitens stellt sich die Frage der Zugänglichkeit. Verfahren wie die Magnetresonanztomographie und die Elektrokardiographie sind teuer und nicht flächendeckend verfügbar. Aus diesem Grund wollen wir zunächst zuverlässige Muster dieser Signale identifizieren und sie in einfachere kognitive Messgrößen übersetzen, die breiter eingesetzt werden könnten.

Wie erforscht ihr dieses Thema?

Wir untersuchen, wie kognitive Verzerrungen mit Gehirnaktivität, körperlichen Reaktionen und psychologischen Symptomen bei Angst- und Depressionserkrankungen zusammenhängen. Wir verwenden einen interdisziplinären Ansatz aus Psychologie, Neurowissenschaften, Informatik und Medizin. Die Studie umfasst Teilnehmer*innen mit Angststörungen und/oder Depressionsdiagnosen sowie eine gesunde Kontrollgruppe. Bei der klinischen Gruppe führen wir ein strukturiertes Interview zur Erfassung von Diagnose und Symptomschwere durch. Alle Teilnehmer*innen füllen computergestützte Fragebögen zu Gedanken, Emotionen, körperlichen Symptomen sowie demografischen und gesundheitlichen Informationen aus. In einer zweiten Sitzung werden beide Gruppen mittels fMRT untersucht, während sie Aufgaben zu Aufmerksamkeit, Interpretation und Erwartung bearbeiten und ihre Hirnaktivität gemessen wird. Zusätzlich werden Herzaktivität (EKG) und Blutdruck erfasst. Die Daten werden anonymisiert und statistisch ausgewertet, um neuronale, kognitive und physiologische Reaktionsmuster zu identifizieren, die Subtypen über die verschiedenen Störungsbilder hinweg charakterisieren.

Wo finde ich mehr zu diesem Thema?

Wenn Sie mehr über Angst- und depressive Störungen sowie die damit verbundenen neuronalen und physiologischen Mechanismen erfahren möchten, empfehlen wir Ihnen einen Besuch auf den Websites der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie. 

Wenn Sie an einer Teilnahme an der Studie interessiert sind, finden Sie weitere Informationen auf unserer unten angegebenen Website oder kontaktieren Sie uns per E-Mail (emocog-study@cbs.mpg.de).

Wenn du selbst depressive Gedanken, psychische Belastungen oder ähnliche Schwierigkeiten erlebst, wende dich bitte an den bundesweiten ärztlichen Bereitschaftsdienst und Patientenservice in Deutschland, der dir als krankenversicherte Person zeitnah Termine für eine psychotherapeutische Sprechstunde oder Akutbehandlung vermitteln kann. Zusätzlich ist das Bündnis gegen Depression Leipzig eine hilfreiche Anlaufstelle, die für Betroffene von depressiven Störungen Unterstützung und Orientierung bei der Suche nach passenden Hilfsangeboten bietet.

Deutsche Gesellschaft für Psychologie: https://www.dgps.de/ 

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde: https://www.dgppn.de/ 

Bundesweiter ärztlicher Bereitschaftsdienst und Patientenservice in Deutschland:

https://www.116117.de/de/psychotherapie.ph

Tel.: 116 117

Bündnis gegen Depression Leipzig: https://buendnis-depression-leipzig.de/

Teilnahme in der klinischen Gruppe: https://www.cbs.mpg.de/studiengesuche/emocog-study

Teilnahme in der Kontrollgruppe: 

https://www.cbs.mpg.de/studiengesuche/emocog-study-kontrollgruppe?c=2242803

Referenzen

Wenn Sie sich über bereits veröffentlichte Studien zu kognitiven Verzerrungen bei Angstzuständen und Depressionen informieren möchten, können Sie diese Links aufrufen oder uns schreiben und die Artikel anfordern (emocog-study@cbs.mpg.de). 

Using machine learning-based analysis for behavioral differentiation between anxiety and depression (Richter et al., 2020) https://www.nature.com/articles/s41598-020-72289-9 

Machine learning-based diagnosis support system for differentiating between clinical anxiety and depression disorders (Richter et al., 2021) https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0022395621004180 

Disorder-specific versus transdiagnostic cognitive mechanisms in anxiety and depression: Machine-learning-based prediction of symptom severity (Richter et al., 2024) https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0165032724004506 

World mental health report: Transforming mental health for all. World Health Organization.(World Health Organization, 2022).  https://www.who.int/publications/i/item/9789240049338

Threat-related attentional bias in anxious and nonanxious individuals: a meta-analytic study (Bar-Heim et al., 2007) https://doi.org/10.1037/0033-2909.133.1.1

The effects of emotion on attention: A review of attentional processing of emotional information (Yiend, 2010) https://doi.org/10.1080/02699930903205698

Where it's set

Über das Projekt

Science Streets ist ein Wissenschaftskommunikationsprojekt, das Wissenschaft in den Alltag bringt, indem es Leipzigs öffentliche Räume zu Lernorten macht. Für vier Wochen im August 2026 werden Science-Comics auf Werbeflächen (Litfaßsäulen, City-Light-Postern, Infoscreens, im öffentlichen Nahverkehr usw.) gezeigt. Das diesjährige Thema lautet Neurowissenschaften. Zehn Wissenschaftler*innen und zehn Illustrator*innen werden ausgewählt, um gemeinsam Comics rund ums Gehirn zu gestalten – die Wissenschaftler*innen liefern die Inhalte, die Illustrator*innen setzen diese künstlerisch um.

Videos

Video 1: Testvideo-Titel
Video 2: Testvideo-Titel
Video 3: Testvideo-Titel
Woran forschen Sie, Prof. Dr. Julia Sacher

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