Memory
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Memory

Behind the comic

Was erforscht Ihr - in einem Satz?

Wir erforschen, wie Kleinkinder im zweiten Lebensjahr Erinnerungen formen, speichern und vergessen.

Was zeigt der Comic?

Unser Comic veranschaulicht das Phänomen der infantilen Amnesie – die Tatsache, dass wir uns nicht an unsere frühe Kindheit erinnern können. Im Mittelpunkt steht ein kleines Mädchen, das mit seiner Tante Peggy ein Spiel mit Stickern spielt. Dabei entsteht im Gehirn des Mädchens eine Erinnerung an dieses Erlebnis. 

Einige Monate später kann sie sich immer noch an das Spiel und Details der Erfahrung erinnern, was sich auch in ihrer Gehirnaktivität zeigt. Das zeigt sich auch in unserer Forschung: Solche Erinnerungen können im Alter von 1,5 – 2 Jahren viel länger gespeichert werden als lange angenommen. 

Jahre später ist die gleiche Erinnerung jedoch nicht mehr zugänglich: Das Mädchen erkennt die Sticker auf einem Foto, kann sich aber nicht mehr daran erinnern, wie sie dorthin gekommen sind. Der Comic greift damit ein zentrales Rätsel der infantilen Amnesie auf: Frühe Kindheitserinnerungen können zwar im Gehirn gespeichert werden, sind später im Leben aber nicht mehr abrufbar.

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse stützen eure Aussage?

Obwohl die meisten Menschen sich nicht an ihre ersten Lebensjahre erinnern, sind Babys und Kleinkinder erstaunlich gute Lerner: Sie erkennen vertraute Gesichte, ahmen Handlungen nach und können sich einfache Ereignisse oder Geschichten über Wochen hinweg merken. 

Dies ist für uns als Wissenschaftler*innen paradox: In der frühen Kindheit können Erinnerungen eine Zeit lang gespeichert werden, und trotzdem können wir später nicht mehr darauf zugreifen. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass diese Erinnerungen nicht vollständig verschwinden, sondern mit der voranschreitenden Reifung und Entwicklung des Gehirns schwerer zugänglich werden. In den ersten Lebensjahren verändert sich das Gehirn stark und damit auch die Bereiche, die für das Gedächtnis wichtig sind, wie der Hippocampus. Diese Veränderungen könnten bereits gespeicherte Erinnerungen beeinflussen. Hinweise darauf liefern auch Tierstudien: Dort lassen sich bereits „vergessene“ Kindheitserinnerungen durch die Stimulation bestimmter Gehirnareale wieder aktivieren.

Welche Missverständnisse und Grenzen gibt es?

Infantile Amnesia betrifft das episodische Gedächtnis, also bewusste Erinnerungen an persönliche Erlebnisse. In unserer Studie nutzen wir eine spezielle Lernaufgabe, in der Kinder ein strukturiertes Versteckspiel mit klar vorgegebenen Abläufen und Materialien spielen, die es so im Alltag nicht gibt. Dieses Vorgehen erlaubt es uns, bestimmte Aspekte der in unserem Labor geformten Erinnerungen sehr genau zu untersuchen. Allerdings spiegelt es nicht die komplexen Alltagserfahrungen von Kleinkindern wider. Deshalb lassen sich unsere Erkenntnisse nicht einfach auf alle Arten von frühen Kindheitserinnerungen übertragen. Wir können zum Beispiel nicht sagen, ob Kinder sich an alltägliche Ereignisse auf die gleiche Weise oder über ähnlich lange Zeiträume erinnern. 

Außerdem zeigen unsere Ergebnisse nur, ob Kinder eine gelernte Information später wieder abrufen können. Sie sagen nichts darüber aus, was mit Erinnerungen passiert, wenn sie nicht mehr zugänglich sind. Wir wissen daher aktuell noch nicht, ob solche frühen Erinnerungen weiter im Gehirn gespeichert sind oder tatsächlich verloren gehen.

Welche Fragen sind noch offen?

Eine zentrale offene Frage der Forschung zur infantilen Amnesie ist, ob frühe Kindheitserinnerungen mit der Zeit tatsächlich verloren gehen, oder ob sie weiterhin im Gehirn gespeichert, aber nicht mehr zugänglich sind. In unserer Studie zeigen wir, dass Erinnerungen im Kleinkindalter monatelang bestehen und abrufbar sind, was sich sowohl im Verhalten der Kinder als auch in ihrer Gehirnaktivität zeigt. 

Da die Kinder allerdings überraschend gut in unserer Gedächtnisaufgabe abgeschnitten haben, konnten wir das eigentliche „Vergessen“ von Kindheitserinnerungen nicht beobachten. Deshalb können wir aktuell nicht direkt untersuchen, was mit Erinnerungen passiert, wenn sie später nicht mehr abrufbar sind. Auch bleibt offen, ob sich Befunde aus der Tierforschung, dass „vergessene“ Kindheitserinnerungen wieder reaktiviert werden können, auf den Menschen übertragen lassen und unter welchen Bedingungen dies möglich wäre. 

Die Beantwortung dieser Frage hat wichtige Implikationen: Wenn die infantile Amnesie vor allem ein Problem des Abrufens und nicht des Speicherns ist, könnte das bedeuten, dass frühe Erinnerungen länger im Gehirn erhalten bleiben, als wir bewusst wahrnehmen können.

Wie könnte das die Medizin beeinflussen?

Wenn wir verstehen, wie frühe Kindheitserinnerungen entstehen und warum sie später nicht mehr zugänglich sind, können wir besser nachvollziehen, wie sich das Gedächtnis in den ersten Lebensjahren entwickelt. Dieses Wissen kann dabei helfen, geeignete Lernumgebungen für Kleinkinder zu gestalten und Eltern sowie Betreuungspersonen dabei unterstützen, durch altersgerechte Aktivitäten, Routinen und spielerisches Lernen eine gesunde Gedächtnisentwicklung zu fördern. 

Unsere Erkenntnisse können außerdem dazu beitragen, auffällige Entwicklungsverläufe, die sich auf das Lernen und Gedächtnis auswirken, frühzeitig zu erkennen. Auf lange Sicht können solche Erkenntnisse zu individuelleren Förder- und Bildungsangeboten beitragen.  

Allgemeiner betrachtet kann die Erforschung der infantilen Amnesie auch Hinweise für Forschung zum Gedächtnisverlust im Alter liefern, etwa im Rahmen von Demenzerkrankungen. Auch wenn es sich dabei um sehr unterschiedliche Lebensphasen handelt, kann ein besseres Verständnis frühkindlicher Gedächtnisprozesse helfen, Gedächtnis-Theorien über die gesamte Lebensspanne hinweg zu verfeinern.

Welche gesellschaftlichen Fragen entstehen daraus?

Forschung zur frühen Gedächtnisentwicklung beeinflusst, wie wir über das Lernen in der frühen Kindheit nachdenken. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sehr junge Kinder bereits in der Lage sind, dauerhafte Erinnerungen zu speichern. Dies könnte Auswirkungen darauf haben, wie wir frühkindliche Bildung und Betreuung gestalten, und zu besser informierten Entscheidungen darüber führen, wann und wie neue Erfahrungen und Lernangebote eingeführt werden.

Gleichzeitig werfen diese Erkenntnisse auch ethische Fragen auf. Wenn frühe Erfahrungen bleibende Spuren im Gehirn hinterlassen – selbst solche, an die man sich nicht bewusst erinnern kann – unterstreicht dies die Bedeutung eines sicheren und unterstützenden Umfelds in den ersten Lebensjahren.

Wie erforscht ihr dieses Thema?

Wir untersuchen das kindliche Gedächtnis im Rahmen eines Versteckspiels, das speziell für Kleinkinder entwickelt wurde. Während des Spiels lernen die Kinder, dass ein Spielzeug in einer bestimmten Umgebung immer am gleichen Ort versteckt ist. Dadurch können wir testen, ob sie sich später noch an den Zusammenhang zwischen Umgebung und Versteckort erinnern und dieses Wissen nutzen, um das Spielzeug wiederzufinden. 

Während des Spiels zeichnen wir die Bewegungen der Kinder mit Kameras auf, um später ihre Bewegungsmuster und Suchverläufe zu analysieren. Zusätzlich messen wir mittels mobiler Elektroenzephalographie (EEG), was im Gehirn der Kinder passiert, während sie Erinnerungen bilden und abrufen. Zusammen ermöglichen es uns diese Methoden, das Verhalten der Kinder gemeinsam mit ihrer Gehirnaktivität in einer alltagsnahen, aber kontrollierten Situation zu untersuchen.

Wo finde ich mehr zu diesem Thema?

In dieser Radioaufnahme hören Sie, wie ein Kleinkind unser Gedächtnisspiel spielt: https://www.deutschlandfunk.de/fruehkindliche-amnesie-kindheitserinnerung-wie-gedaechtnis-entsteht-100.html

Hier erfahren Sie mehr über das Forschungsfeld der infantilen Amnesie: https://www.science.org/content/article/are-your-earliest-childhood-memories-still-lurking-your-mind-or-gone-forever

Referenzen

Übersichtsarbeiten zur infantilen Amnesie

Tierstudien zur Reaktivierung früher Erinnerungen

Forschung zur frühen Gedächtnisentwicklung über Spezies hinweg



Where it's set

Über das Projekt

Science Streets ist ein Wissenschaftskommunikationsprojekt, das Wissenschaft in den Alltag bringt, indem es Leipzigs öffentliche Räume zu Lernorten macht. Für vier Wochen im August 2026 werden Science-Comics auf Werbeflächen (Litfaßsäulen, City-Light-Postern, Infoscreens, im öffentlichen Nahverkehr usw.) gezeigt. Das diesjährige Thema lautet Neurowissenschaften. Zehn Wissenschaftler*innen und zehn Illustrator*innen werden ausgewählt, um gemeinsam Comics rund ums Gehirn zu gestalten – die Wissenschaftler*innen liefern die Inhalte, die Illustrator*innen setzen diese künstlerisch um.

Videos

Video 1: Testvideo-Titel
Video 2: Testvideo-Titel
Video 3: Testvideo-Titel
Woran forschen Sie, Prof. Dr. Julia Sacher

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