Touch
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Behind the comic

Was erforschst du - in einem Satz?

Wir möchten verstehen, wie Berührung unsere Beziehungen beeinflusst, wie sich dieser Zusammenhang über verschiedene Lebenslagen verändert und welche biologischen Prozesse in Gehirn und Körper diese Veränderungen antreiben!

Was zeigt der Comic?

Wir wollen zeigen, wie allgegenwärtig Berührungen in unserem Alltag sind. Zärtliche Berührungen zum Beispiel sind kurze, simple Handlungen, die eine Vielzahl von Kommunikationssignalen im Nervensystem auslösen, die uns helfen, Ruhe zu empfinden und Stress abzubauen.


Wir besitzen in unserer Haut eine einzigartige Zelle, die sogenannte C-Tastfaser. Ihre Funktion ist es, auf zärtliche und sanfte Berührungen, wie Umarmungen, zu reagieren, wie der Comic darstellt. Wird diese C-Tastfaser stimuliert, sendet sie ein Signal zu den sozialen und emotionalen Zentren des Gehirns. Darauf reagiert das Gehirn, indem es den Körper anweist, vermehrt das Hormon Oxytocin auszuschütten. Oxytocin stärkt Gefühle der Ruhe und des Vertrauens. Gleichzeitig werden dadurch der Cortisolspiegel, die Herzfrequenz und der Blutdruck reduziert. All dies ist an einer Reduktion der Stressreaktion beteiligt. Berührung kann also dazu beitragen, unseren Stresspegel zu senken und unser Gefühl von Vertrauen zu stärken! Umarmungen tun uns also wirklich gut, wie magisch!


Es ist allerdings etwas komplizierter, als alle Personen einfach nur ständig zu umarmen, um den Weltfrieden zu erreichen (obwohl das natürlich auch schön wäre). Berührungen von Fremden können eine andere Hormonausschüttung auslösen als Berührungen vom Partner oder Freund. Die meisten Studien haben Berührungen entweder in romantischen Beziehungen ODER zwischen völlig Fremden untersucht. Was jedoch zwischen diesen beiden Extremen passiert, wurde bisher wenig erforscht. Wir wissen auch nicht, wie sich die Hormonausschüttung im Laufe der Zeit verändert – ab wann wird aus einem Fremden ein Vertrauter? Und kommt es zu einem plötzlichen, dramatischen Hormonanstieg oder verläuft die Veränderung eher allmählich? Genau das versucht unsere Forschung derzeit herauszufinden.

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse stützen deine Aussage?

Die Existenz von C-Tastfasern ist mittlerweile gut dokumentiert. Was der Comic jedoch nicht zeigt, ist, wie empfindlich diese Fasern sind! Sie werden nur unter bestimmten Bedingungen aktiviert: Die Temperatur der Berührung muss etwa 32 Grad betragen – was „zufälligerweise“ genau der Temperatur der menschlichen Haut entspricht. Die Berührung muss außerdem mit einer bestimmten Geschwindigkeit erfolgen – etwa 3 cm pro Sekunde. Menschen scheinen in dieser Hinsicht jedoch sehr intuitiv zu sein; eine Studie filmte junge Mütter in einem Wartezimmer und fand heraus, dass sie ihre Babys instinktiv genau mit dieser Geschwindigkeit streichelten!


Die Hormonschwankungen, die bei zärtlichen Berührungen auftreten, variieren je nach der Qualität und der Art der Beziehung zwischen Personen. Berührungen vom Partner fühlen sich in der Regel gut an, erhöhen den Oxytocinspiegel und senken den Cortisolspiegel. Berührungen von Fremden hingegen könnten das Gegenteil erreichen und den Cortisolspiegel sogar erhöhen. Freundschaften dagegen sind weniger erforscht und resultierten bisher in widersprüchlichen Ergebnissen. Wir vermuten, dass dies an Faktoren wie Persönlichkeit, Bindung und der Qualität der Freundschaft liegt. Fühlen sich neurotische Menschen beispielsweise bei Berührungen unwohler? Empfinden Menschen mit einem sicheren Bindungsstil Berührungen als fürsorglicher?

Welche Missverständnisse und Grenzen gibt es?

Oxytocin wird in den Medien oft als „Liebeshormon“ bezeichnet. Obwohl diese Vorstellung im Kern richtig ist, stellt sie eine starke Vereinfachung dar. Die Wirkung von Oxytocin hängt von vielen Faktoren ab.

Beispielsweise ist die beteiligte Person wichtig. Obwohl Oxytocin im Allgemeinen Gefühle des Vertrauens und der Zuneigung gegenüber denjenigen verstärkt, die uns bereits wichtig sind, kann es diese Gefühle gegenüber Fremden tatsächlich verringern. Studien an Präriewühlmäusen haben gezeigt, dass Mausarten mit hohen Oxytocinspiegel monogamer sind – sie behalten ihre Liebe und Zuneigung also nur für eine einzige andere Präriewühlmaus!


Es gibt auch Forschungsergebnisse, die zeigen, dass Säuglinge, die unter widrigen Umständen wie elterlicher Misshandlung aufwachsen, ein gestörtes Oxytocin-Ausschüttungssystem entwickeln können, was bedeutet, dass das Oxytocin-System nicht wie vorgesehen funktioniert. Bei manchen Menschen mit psychischen Erkrankungen – wie beispielsweise einer Borderline-Persönlichkeitsstörung – beobachten wir nach der Gabe von Oxytocin eine Abnahme von prosozialem Verhalten und Vertrauen.


In Bezug auf Berührung zeigte unser Labor, dass zum Beispiel auch die Reihenfolge von sozialen Interaktionen eine Rolle bei der Oxytocin- und Cortisol-Ausschüttung spielt. Wurde ein Teilnehmer zuerst von einem romantischen Partner berührt, zeigte sich eine erhöhte Oxytocin-Ausschüttung. Dies bedeutete auch, dass der Oxytocinspiegel weiterhin erhöht blieb, nachdem er anschließend von einer fremden Person berührt wurde. Wurde er hingegen zuerst von einer fremden Person berührt, stieg der Cortisolspiegel dagegen an und normalisierte sich auch nach der darauffolgenden Berührung durch den romantischen Partner nicht.

Welche Fragen sind noch offen?

Viele Fragen! Wie bereits erwähnt, hat sich die Forschung bisher hauptsächlich mit Berührungen in romantischen Beziehungen ODER zwischen völlig Fremden beschäftigt. Wir wissen noch nicht viel über Freundschaften, platonischen Beziehungen usw. Auch verstehen wir noch nicht, wie Beziehungsschwankungen den Hormonspiegel verändern. Aktuell versuchen wir, die Frage zu beantworten: „Wie und wann wird aus einer fremden Person ein (möglicher) romantischer Partner?“ Wir planen ein Speed-Dating-Event und werden alle Paare, die sich dadurch finden, im Verlauf ihrer Beziehung immer wieder untersuchen, um zu sehen, wie sich ihre Hormone bei zärtlichen Berührungen über den Verlauf der Beziehung verändern. Es wäre unglaublich spannend zu beobachten, wie Berührung, Oxytocin und Cortisol sich in jeder Phase einer romantischen Beziehung gegenseitig beeinflussen!


Darüber hinaus gibt es neue Forschungsergebnisse zu Autismus und Neurodiversität. Menschen mit Autismus reagieren im Vergleich zu neurotypischen Menschen oft anders auf Berührungen, wobei viele von ihnen Unbehagen empfinden. Langfristig scheint jedoch häufigere Berührung im Alltag mit weniger Stress und verbesserten Bewältigungsstrategien bei Autismus einherzugehen. Dieser Widerspruch zeigt, dass weitere Forschung nötig ist, um die Zusammenhänge vollständig zu verstehen.


Wie in den meisten wissenschaftlichen Forschungsbereichen beeinflusst auch die KI derzeit unsere Forschungsentscheidungen und -fragen. Beispielsweise ist der Einsatz von KI und Robotern in „sozialen“ Beziehungen und die Zukunft von Berührungstherapien ein intensiv erforschtes Gebiet. Viele Forscher befürchten, dass diese Technologien menschliche Berührung und Interaktion nicht vollständig ersetzen können.

Wie könnte das die Medizin beeinflussen?

In unserem Labor erforschen wir hauptsächlich die Funktion von Berührungen und weniger auf deren unmittelbarer klinischer Anwendung. Wie bereits erwähnt, scheinen jedoch klinische und neurodiverse Populationen, beispielsweise Personen mit Autismus oder Borderline-Persönlichkeitsstörung, unterschiedlich auf Berührungen zu reagieren. Ein besseres Verständnis dieser Unterschiede könnte langfristig dazu beitragen, berührungsbasierte Therapien gezielter zu entwickeln und zu verbessern.

Wie im Comic dargestellt, ist Berührung an sich schon wohltuend. Dies ist wissenschaftlich gut belegt. Doch wie bei vielen anderen ganzheitlichen Therapien hat es sich bisher als schwierig erwiesen, dies in (Psycho)therapien einzugliedern. Andere Therapien mit Berührung, wie Massage und Ähnliches, können sehr hilfreich sein, aber ihre Integration in die Schulmedizin braucht Zeit.

Welche gesellschaftlichen Fragen entstehen daraus?

Ein eindrückliches Beispiel für ein Dilemma zeigte sich während der Covid-Pandemie. Berührung wurde plötzlich zur Gefahr – und gleichzeitig zur Notwendigkeit. Auf der einen Seite beobachteten wir, dass Mehrpersonenhaushalte, die häufiger emotionale Berührungen austauschten, eine bessere psychische Gesundheit sowie niedrigere Cortisol- und höhere Oxytocinwerte aufwiesen. Auf der anderen Seite verschärfte gerade der Mangel an Berührung und engem Kontakt während der Lockdowns die Situation: Er führte in der Bevölkerung zu höheren Cortisolwerten – und chronisch erhöhtes Cortisol kann wiederum das Immunsystem schwächen. Damit entstand ein echtes zweischneidiges Schwert: Wer Nähe zu anderen Menschen suchte, erhöhte sein Covid-Risiko; wer sie mied, riskierte die negativen Folgen von Berührungsmangel. Beruhigende Berührungen, Haustiere, beschwerte Decken und sogar Roboter könnten hier sinnvolle Alternativen darstellen – ein Ansatzpunkt für künftige Forschung, gerade im Hinblick auf zukünftige Endemien und Pandemien.

Dazu beobachten wir, dass westliche Länder immer individualistischer werden. Besonders in den USA gibt es einen Mangel an Orten der Begegnung und des Austauschs sowie eine Zunahme von Single-Haushalten. Diese Unabhängigkeit hat zwar Vorteile, doch die Einsamkeitsraten steigen rasant, sodass diese inzwischen als „Loneliness Epidemic“ betitelt werden. In vielen kollektivistischen Kulturen ist Berührung viel üblicher. Mit zunehmender Berührung steigt jedoch auch die Zahl unerwünschter Berührungen. Es ist schwierig, all dies in Einklang zu bringen und noch schwieriger, politische Vorgaben für die Art, Weise und den Zeitpunkt der Interaktion zwischen Menschen zu entwickeln. Wir können den Menschen nicht vorschreiben, in Mehrpersonenhaushalten zu leben und sich achtmal täglich zu umarmen, weil das gesünder für sie sei. Eine Möglichkeit, zu helfen, besteht darin, die Bevölkerung aufzuklären und ihr die richtigen Informationen zur Verfügung zu stellen. Deshalb ist Science Streets eine so großartige Initiative!

Wie erforschst du dieses Thema?

Auf vielfältige Weise! Da Berührungen mit etwa 3 cm pro Sekunde erfolgen sollten, schulen wir alle, die ins Labor kommen, darin, die Armbewegungen mit dieser Geschwindigkeit und dem richtigen Druck korrekt auszuführen. Verständlicherweise beherrschen alle Labormitglieder, die Experimente durchgeführt haben, diese Technik perfekt. Einmal verglichen wir die Berührung eines Fremden mit der eines romantischen Partners. Ich erinnere mich, wie eine Teilnehmerin verlegen zugab: „Natürlich bevorzuge ich die Berührung meines Freundes … aber der Versuchsleiter hatte eine wirklich gute Technik!“

Wir nutzen verschiedene Methoden, um die Auswirkungen von Berührung zu erforschen. Beispielsweise legen wir Probanden in ein Magnetresonanztomographiegerät (MRT), um Veränderungen im Gehirn auf die Berührungen in Echtzeit zu messen. Zur Untersuchung von Hormonen verwenden wir Blut- oder Speichelproben, je nachdem, was wir genau wissen möchten. Die Konzentrationen der einzelnen Hormone variieren leicht zwischen Blut- und Speichelproben, und Hormonveränderungen lassen sich im Speichel tendenziell schneller beobachten. Im Allgemeinen verwenden wir Speichel, um schnelle Veränderungen zu erfassen, und Blut, um den Gesamthormonspiegel zu bestimmen – dies gilt insbesondere für Cortisol. Zusätzlich setzen wir Herzmonitore ein, um Veränderungen der Herzaktivität zu beobachten.

Selbstauskünfte, wie Fragebögen und Interviews, sind natürlich auch immer sehr wichtig. Physiologische Daten liefern uns viele Informationen, aber erst wenn wir sie mit den Angaben der Teilnehmenden kombinieren – beispielsweise wie gestresst oder entspannt sie sich fühlen – erhalten wir ein umfassendes Bild. Manchmal sind die Resultate, die wir bekommen sehr eindeutig: Wenn die Teilnehmenden angeben, gestresst zu sein, dazu ihr Cortisolspiegel erhöht ist und Hirnareale, die an der Stressreaktion beteiligt sind, aktiviert sind, können wir ziemlich sicher sein, dass es sich um eine verlässliche Stressreaktion handelt. Oftmals gibt es jedoch Widersprüche zwischen all diesen Befunden, die wir genauer interpretieren müssen. Forschung ist eben sehr komplex!

Wo finde ich mehr zu diesem Thema?
Referenzen
  • Artikel: Das Gehirn reagiert je nach Kontext unterschiedlich auf Berührungen https://liu.se/en/news-item/the-brain-reacts-differently-to-touch-depending-on-context

  • Zeitschriftenartikel: Handlin, L., Novembre, G., Lindholm, H., Kämpe, R., Paul, E. & Morrison, I. (2023). Endogenes Oxytocin beim Menschen und seine neuronalen Korrelate zeigen adaptive Reaktionen auf soziale Berührung in Abhängigkeit vom aktuellen sozialen Kontext. eLife , 12 , e81197. https://doi.org/10.7554/eLife.81197

  • Zeitschriftenartikel: Olff, M., Frijling, J.L., Kubzansky, L.D., Bradley, B., Ellenbogen, M.A., Cardoso, C., Bartz, J.A., Yee, J.R. & van Zuiden, M. (2013). Die Rolle von Oxytocin in sozialer Bindung, Stressregulation und psychischer Gesundheit: Ein Update zu den moderierenden Effekten von Kontext und interindividuellen Unterschieden. Psychoneuroendocrinology , 38 (9), 1883–1894. https://doi.org/10.1016/j.psyneuen.2013.06.019


Where it's set

Über das Projekt

Science Streets ist ein Wissenschaftskommunikationsprojekt, das Wissenschaft in den Alltag bringt, indem es Leipzigs öffentliche Räume zu Lernorten macht. Für vier Wochen im August 2026 werden Science-Comics auf Werbeflächen (Litfaßsäulen, City-Light-Postern, Infoscreens, im öffentlichen Nahverkehr usw.) gezeigt. Das diesjährige Thema lautet Neurowissenschaften. Zehn Wissenschaftler*innen und zehn Illustrator*innen werden ausgewählt, um gemeinsam Comics rund ums Gehirn zu gestalten – die Wissenschaftler*innen liefern die Inhalte, die Illustrator*innen setzen diese künstlerisch um.

Videos

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Video 2: Testvideo-Titel
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Woran forschen Sie, Prof. Dr. Julia Sacher

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