PredictiveBrain
Behind the comic
Was erforschst du - in einem Satz?
Wie wir die Welt wahrnehmen, wird nicht nur von den Signalen aus unserer Umgebung bestimmt, sondern auch von unseren bisherigen Erfahrungen und unserem Wissen.
Was zeigt der Comic?
Der Comic zeigt, wie der gleiche Hund bei verschiedenen Personen unterschiedliche mentale Szenarien auslöst. Die zwei Menschen sehen dasselbe Ereignis, erleben es aber unterschiedlich, weil ihr Gehirn unterschiedliche Erwartungen mit dem Ereignis verbindet. Obwohl der visuelle Eindruck identisch ist, wird die eine Person mit Erinnerungen an Gefahr konfrontiert, während bei der anderen Person Erinnerungen an Verspieltheit hervorgerufen werden. Wahrnehmung ist nicht nur eine passive Aufzeichnung der Welt: Das Gehirn nutzt Erinnerungen und den Kontext, um vorherzusagen, was als Nächstes passieren wird. Es reichert die bloße Wahrnehmung um weitere Details an. Diese Vorhersagen beeinflussen, was wir wahrnehmen, wie schnell wir es verstehen und woran wir uns später erinnern. Im letzten Bild beschreiben die beiden Personen denselben Moment auf gegensätzliche Weise. Dies ist ein einfaches Beispiel dafür, wie Vorwegnahmen das alltägliche Erleben prägen können.
Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse stützen deine Aussage?
Zahlreiche Forschungsansätze zeigen, dass Erwartungen die Wahrnehmung prägen. Gehirnaufzeichnungen belegen, dass das Gehirn automatisch reagiert, sobald ein erwarteter Ton oder ein erwartetes Bild verändert wird. Das Gehirn registriert Abweichungen von seinen Erwartungen und passt diese entsprechend an. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen zeigen; unerwartete Wörter lösen stärkere Hirnreaktionen aus als erwartete, was auf eine anpassende Vorhersage während des Verstehens hindeutet. Verhaltens-Priming-Experimente belegen, dass kürzlich gemachte Erfahrungen dazu führen, dass verwandte Dinge schneller wahrgenommen und leichter erkannt werden. Die klassischen Gestaltprinzipien (wie Gruppierung und Kontinuität) wiederrum zeigen, wie das Gehirn dazu neigt, Teile einer Szene zu einem kohärenten Ganzen zu verbinden. Es handelt sich um eine Art eingebaute Erwartung darüber, wie Dinge normalerweise zusammenpassen. Insgesamt stützen diese Erkenntnisse die Vorstellung, dass Wahrnehmung eine andauernde Vermischung von eingehenden Informationen und Vorwissen ist.
Welche Missverständnisse und Grenzen gibt es?
Diese Erkenntnisse bedeuten nicht, dass unsere Sinne nutzlos sind oder dass Wahrnehmung nur Einbildung ist. Sinneseindrücke spielen eine Rolle. Das Gehirn kombiniert das, was es erlebt, mit dem, was es erwartet. Welche der beiden Komponenten überwiegt, hängt von der jeweiligen Situation ab. Die prädiktive Verarbeitung der Wahrnehmung ist keine einheitliche, abgeschlossene Theorie, sondern ein nützliches Rahmenkonzept mit verschiedenen Ausprägungen; nicht jedes Experiment oder jedes Gehirnsignal lässt sich perfekt auf dieses Konzept übertragen. Außerdem sind Wahrnehmungsunterschiede nicht immer bewusste Entscheidungen oder „Fehler“. Viele davon sind automatisch und hilfreich. Schließlich beeinflussen die individuelle Lebensgeschichte, die Aufmerksamkeit, die Kultur und die Neurodiversität, inwieweit sich Menschen auf Vorhersagen verlassen, sodass Erkenntnisse aus einer Gruppe oder einer Aufgabe nicht auf alle Menschen übertragbar sind.
Welche Fragen sind noch offen?
Eine große offene Frage ist, wie das Gehirn entscheidet, wem es mehr Vertrauen schenkt: dem, den aktuellen Sinneseindrücken oder den vorgefassten Erwartungen. Forscher versuchen nach wie vor zu verstehen, wie Erinnerungen, Emotionen, Stress, Kultur und persönliche Erfahrungen diese Wahrnehmungswelten formen.
Eine weitere Frage ist, warum manche Erwartungen leicht zu aktualisieren sind, während andere sehr undurchlässig werden. Wann hilft uns eine Vorhersage, schnell zu reagieren, und wann führt sie uns in die Irre? Dies ist nicht nur für die Wahrnehmung als solche von Bedeutung, sondern auch für das Lernen, für Missverständnisse, für Vorurteile und die psychische Gesundheit.
Außerdem verstehen wir noch nicht vollständig, warum sich Menschen so stark voneinander unterscheiden. Manche nehmen vielleicht sehr schnell “Bedrohung” wahr, andere fokussieren sich eher auf Verspieltheit oder Neugier. Wie das Gehirn diese unterschiedlichen Versionen der Realität konstruiert, ist nach wie vor ein aktives Forschungsgebiet.
Wie könnte das die Medizin beeinflussen?
Diese Forschung könnte dazu beitragen, dass die Medizin der Zukunft individueller wird. Menschen unterscheiden sich nicht nur körperlich, sondern auch darin, wie ihr Gehirn Signale aus der Umwelt interpretiert. Derselbe Ton, derselbe Gesichtsausdruck, derselbe Schmerz oder dieselbe soziale Situation können je nach den Erwartungen und bisherigen Erfahrungen einer Person unterschiedlich empfunden werden.
Dies ist besonders relevant für die psychische Gesundheit. Für manche Menschen mag sich die Welt oft bedrohlich, überwältigend, unvorhersehbar oder emotional flach anfühlen. Die Forschung zur prädiktiven Wahrnehmung könnte zur Erklärung beitragen, warum dies geschieht und wie Unterstützung individuell angepasst werden könnte.
In Zukunft könnten einfache Verhaltensaufgaben oder digitale Tools dabei helfen, zu erfassen, wie eine Person auf Unsicherheit, Überraschungen oder sich wiederholende Muster reagiert. Dies könnte neue Möglichkeiten einer frühzeitigen Erkennung, eine individuelle Behandlung sowie einer besseren Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten unterstützen. Das Ziel ist nicht, zu sagen: „Das ist alles nur in deinem Kopf“, sondern zu verstehen, wie jedes Gehirn die Welt interpretiert.
Welche gesellschaftlichen Fragen entstehen daraus?
Diese Forschung kann dabei helfen, uns bewusst zu machen, dass Menschen dieselbe Situation tatsächlich unterschiedlich erleben können. In unserem Comic erinnert sich die eine Person an den Hund als gefährlich, die andere an den gleichen Hund in der gleichen Situation als verspielt. Keine der beiden Reaktionen beruht allein auf dem, was die Augen sehen. Beide werden dadurch beeinflusst, was das Gehirn erwartet.
Diese Erkenntnis kann Empathie, Bildung, Design und öffentliche Kommunikation unterstützen. Lehrkräfte können neue Informationen mit dem verknüpfen, was die Lernenden bereits wissen. Designer können Tools entwickeln, die sich intuitiver anfühlen, weil sie den Erwartungen der Menschen entsprechen. Museen und Medien können zeigen, wie ein und dasselbe Ereignis aus unterschiedlichen Perspektiven unterschiedlich wirken kann.
Es gibt jedoch auch ethische Risiken. Wenn prädiktive Erwartungen beeinflussen, was wir wahrnehmen und glauben, können sie auch beeinflusst oder manipuliert werden. Werbung, soziale Medien und Empfehlungssysteme können bestehende Annahmen verstärken, statt sie in Frage zu stellen. Digitale Tools, die das Verhalten einer Person analysieren, um auf deren Stimmung oder inneren Zustand zu schließen, werfen zudem Fragen zum Datenschutz auf. Das Verständnis von Vorhersagen/Erwartungsmustern sollte Menschen zum Nachdenken anregen und nicht dazu dienen, sie zu kontrollieren.
Wie erforschst du dieses Thema?
Wir untersuchen die Wahrnehmung, indem wir Situationen schaffen, in denen die Sinne allein keine eindeutige Antwort liefern. Die Teilnehmer hören möglicherweise Geräusche, sehen Bilder oder beurteilen mehrdeutige Situationen. Anschließend stellen wir einfache Fragen: Was ist Ihnen aufgefallen? Was haben Sie erwartet? Kam Ihnen etwas bedrohlich, vertraut, überraschend oder unklar vor?
Eine zentrale Methode besteht darin, die physischen Reize gleich zu halten und gleichzeitig den Kontext zu verändern. So kann beispielsweise dasselbe Bild je nach Anweisung oder aufgrund früherer Erfahrungen unterschiedlich interpretiert werden. Auch derselbe Ton kann unterschiedlich wahrgenommen werden, wenn er wiederholt oder in einen anderen Kontext gestellt wird.
Wir messen die Entscheidungen der Teilnehmer*innen, ihre Reaktionszeiten, wie sicher sie sich dabei fühlen, sowie manchmal auch ihre Gehirnaktivitäten. Dies hilft uns dabei, das physisch Vorhandene von dem zu unterscheiden, was das Gehirn hinzufügt, vorhersagt oder anpasst. Kurz gesagt: Wir gestalten kleine Momente der Ungewissheit und untersuchen, wie das Gehirn diese in eine sinnvolle Erfahrung umwandelt.
Wo finde ich mehr zu diesem Thema?
Weitere Informationen zu Predictive Coding: https://www.youtube.com/watch?v=5eSxcygk8UM, https://www.frontiersin.org/research-topics/599/predictive-coding
Informationen zur Reaktion des Gehirns auf unerwartete Ereignisse: https://neuralcrossroads.ucsd.edu/files/2017/03/BrainWaves_L24-1.pdf
Weitere Informationen zur Gestaltpsychologie: https://neurotectura.com/2025/08/15/the-science-of-perception-how-gestalt-principles-influence-us/
Referenzen
Where it's set
Über das Projekt
Science Streets ist ein Wissenschaftskommunikationsprojekt, das Wissenschaft in den Alltag bringt, indem es Leipzigs öffentliche Räume zu Lernorten macht. Für vier Wochen im August 2026 werden Science-Comics auf Werbeflächen (Litfaßsäulen, City-Light-Postern, Infoscreens, im öffentlichen Nahverkehr usw.) gezeigt. Das diesjährige Thema lautet Neurowissenschaften. Zehn Wissenschaftler*innen und zehn Illustrator*innen werden ausgewählt, um gemeinsam Comics rund ums Gehirn zu gestalten – die Wissenschaftler*innen liefern die Inhalte, die Illustrator*innen setzen diese künstlerisch um.
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