HormonesBrain
Behind the comic
Was erforschst du - in einem Satz?
Wir untersuchen, wie Schwankungen der Ovarialhormone das Gehirn, das Herz, den Körper und das Verhalten beeinflussen und wie dies die Gehirngesundheit im Laufe des Lebens prägt.
Was zeigt der Comic?
Im Laufe des Lebens ist das Gehirn wechselnden hormonellen Bedingungen ausgesetzt. Unser Comic konzentriert sich auf den Menstruationszyklus, eine Phase von regelmäßigen hormonellen Schwankungen, der während der fruchtbaren Jahre zwischen der Menarche, d.h. der ersten Menstruation, und der Menopause auftritt. Unser Comic zeigt, wie das Gehirn sich an diese Veränderungen anpassen kann. Diese Anpassungsfähigkeit wird durch verschiedene Werkzeuge, z.B. einen Schnorchel, ein Surfbrett und ein Paddel, symbolisiert. Diese Werkzeuge stehen für Veränderungen in der Gehirnstruktur und -funktion, die dem Gehirn helfen, durch die wechselnden hormonellen Bedingungen zu navigieren. Manchmal braucht das Gehirn jedoch zusätzliche Unterstützung. Im Comic steht eine Schwimmweste für Ressourcen und Behandlungsmethoden, die das Wohlbefinden fördern und Symptome lindern können, wie z.B. Psychoedukation, Selbsthilfe, Psychotherapie und Medikamente. Der Comic hebt hervor, dass hormonelle Veränderungen jeden Menschen unterschiedlich beeinflussen. Jedes Gehirn kann auf seine eigenen Werkzeuge zurückgreifen, und diese Werkzeuge können sich im Laufe der Zeit und des Lebens verändern.
Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse stützen deine Aussage?
Unsere Forschung zeigt, dass sich das Gehirn bemerkenswert gut an Hormonschwankungen anpasst - eine Fähigkeit, die Neuroplastizität heißt. Diese Flexibilität betrifft nicht nur das Gehirn, sondern auch Stimmung, Stressreaktion und Herzfunktion. Sie trägt dazu bei, das emotionale und körperliche Wohlbefinden bei kurzfristigen, wie z.B. im Menstruationszyklus, und langfristigen hormonellen Veränderungen über die Lebensspanne hinweg, aufrechtzuerhalten. Ist diese Anpassungsfähigkeit gestört, kann dies zu zyklusbedingten Störungen beitragen.
Wir konnten zeigen, dass sich verschiedene Teile des Hippocampus, einer wichtigen Hirnregion für Lernen und Gedächtnis, parallel zu Hormonschwankungen über den Menstruationszyklus in der Größe verändern. Zudem beeinflussen Hormone die Kommunikation zwischen Hirnregionen.
Außerdem fanden wir Veränderungen im Serotoninsystem des Gehirns und in der Stressreaktion des Körpers über den Menstruationszyklus hinweg. Bei Personen mit prämenstrueller dysphorischer Störung (PMDS), einer Erkrankung, die beeinträchtigende emotionale und körperliche Symptome vor der Menstruation verursacht, folgen diese Veränderungen jedoch einem anderen Muster.
Welche Missverständnisse und Grenzen gibt es?
Unsere Forschung fordert die Annahme heraus, Hormone seien zu komplex für eine Untersuchung und “Störfaktoren” in der Forschung. Durch diese Annahme sind männliche Probanden in der Forschung weiterhin überrepräsentiert, während Ergebnisse trotz biologischer Unterschiede häufig auf Frauen übertragen werden, was die Entwicklung frauenspezifischer Diagnostik, Therapien und Präventionsmaßnahmen erschwert. Heute wissen wir, dass hormonelle Umfelder bei allen Menschen dynamisch sind und sich nur in ihren Verläufen unterscheiden. Unsere Forschung zeigt, dass Hormone wichtige biologische Signale sind, die die Gesundheit über die Lebensspanne prägen.
Hormonbedingte Veränderungen im Gehirn bedeuten nicht, dass Frauen von ihren Hormonen gesteuert werden. Hormonelle Einflüsse auf das Gehirn sind nicht deterministisch, und Menschen unterscheiden sich erheblich darin, wie sie hormonelle Veränderungen wahrnehmen und darauf reagieren. Unsere Forschung untersucht, wie hormonelle Schwankungen mit Veränderungen in Stimmung und Verhalten zusammenhängen. Damit wollen wir Risikofaktoren identifizieren und Resilienz fördern, anstatt individuelles Verhalten auf der Grundlage von Hormonen vorherzusagen oder zu erklären.
Welche Fragen sind noch offen?
Da Frauen in der Forschung historisch unterrepräsentiert waren und oft noch sind, stehen wir beim Verständnis, wie Hormone die Gesundheit von Gehirn und Körper beeinflussen, noch am Anfang. In den bildgebenden Neurowissenschaften befassen sich nur 0,5 % der Studien an menschlichen Proband:innen mit Frauengesundheit. Wir wissen überraschend wenig darüber, wie hormonelle Veränderungen über die Lebensspanne – darunter Pubertät, Menstruationszyklus, hormonelle Verhütung, Schwangerschaft, geschlechtsbejahende Behandlung, Perimenopause und Alterung – das Gehirn beeinflussen und mit biologischen und sozialen Faktoren interagieren. Diese Wissenslücke zeigt sich besonders bei frauenspezifischen Erkrankungen wie dem polyendokrinen metabolischen Ovarialsyndrom (PMOS, früher PCOS) oder Endometriose sowie bei Störungen, von denen Frauen überproportional betroffen sind, darunter Depressionen und Alzheimer. Mehr geschlechts- und hormonsensible Forschung verbessert Diagnostik, Behandlung und Prävention und fördert zugleich unser Verständnis der menschlichen Gesundheit. Die unbeantworteten Fragen sind nicht schwer zu finden – die Herausforderung besteht darin, zu entscheiden, wo man anfangen soll.
Wie könnte das die Medizin beeinflussen?
Unsere Arbeit trägt zur Entwicklung einer personalisierten Medizin bei, da wir anerkennen, dass es keine Einheitslösung gibt. Es bedarf präziserer, evidenzbasierter und individueller Versorgungsansätze, um sicherzustellen, dass medizinische Maßnahmen in unterschiedlichen Gruppen angemessen bewertet werden und für jede Einzelne wirksam sind.
Indem wir besser verstehen, wie hormonelle Veränderungen Gehirn und Körper beeinflussen, trägt unsere Forschung dazu bei, Risikofaktoren früher zu erkennen und gezielte Präventionsstrategien zu entwickeln. Zudem kann ein stärkeres Bewusstsein für Frauengesundheit und Geschlechtsunterschiede helfen, Stigmatisierung abzubauen, die Gesundheitsversorgung zu verbessern und möglicherweise Leben zu retten.
Ein zentraler Bestandteil dieser Bemühungen ist die Beteiligung. Unsere Forschung geht über die Datenerhebung hinaus und umfasst die Einbindung der Öffentlichkeit, von Patient:innen und die Zusammenarbeit mit Menschen, die über eigene Erfahrungen verfügen. Dieser Ansatz fördert das wissenschaftliche Verständnis und befähigt Betroffenen, ihren Körper besser zu verstehen, fundierte Entscheidungen zu treffen und ihr Wohlbefinden aktiv zu gestalten.
Welche gesellschaftlichen Fragen entstehen daraus?
Forschung zu Hormonen, Gehirn und Frauengesundheit bietet eine inklusive, repräsentative und intersektionale Perspektive auf die menschliche Gesundheit. Sie betrachtet Frauengesundheit nicht nur im Zusammenhang mit Fortpflanzung, sondern schließt wichtige Wissenslücken über die Gesundheit von Frauen und geschlechtsdiversen Menschen. Wissenschaft und ihre Vermittlung sollten für alle zugänglich und verständlich sein, damit neue Erkenntnisse der Gesellschaft zugutekommen. Mehr Verständnis und Bewusstsein können Vorurteile und Stigma abbauen, Gespräche über Gesundheit fördern und Menschen dabei unterstützen, informierte Entscheidungen für ihr Wohlbefinden zu treffen. Gleichzeitig muss Forschung zu biologischen Unterschieden mit Bedacht kommuniziert werden, um zu vermeiden, dass Stereotypen oder Ungleichheiten verstärkt werden. Die Förderung von Frauengesundheit ist daher ein wissenschaftliches Ziel, aber auch eine Frage der Gerechtigkeit. Wissen ist Macht, und die Verbesserung unseres geschlechtsspezifischen Verständnisses von Gesundheit, Gehirn und Körper ist nicht nur wichtig für die direkt Betroffenen, sondern auch für bessere Gesundheitsergebnisse für alle.
Wie erforschst du dieses Thema?
In unserer Gruppe untersuchen wir, wie das Gehirn mit dem Herz-Kreislauf-, Stress- oder Immunsystem interagiert. Wir untersuchen Proband:innen mithilfe von bildgebenden Verfahren (MRT, PET, EEG), messen Hormone (im Blut oder Speichel) und Immunmarker (über Blutmarker), und erfassen Stress (über Speichel- und Verhaltensmarker) oder das Herz-Kreislauf-System (über EKG). In der Regel vergleichen wir verschiedene Phasen des Menstruationszyklus, die sich in ihren Hormonspiegeln unterscheiden. Dies geschieht entweder durch den Vergleich verschiedener Personen zu unterschiedlichen Zeitpunkten oder durch die Langzeitbeobachtung derselben Personen. Letzteres liefert Informationen sowohl zu Veränderungen bei derselben Person als auch zu Unterschieden zwischen den Personen. Unser Ziel ist es, zu verstehen, wie Veränderungen der Hormone mit Veränderungen im Gehirn, Körper und Verhalten zusammenhängen. Dazu kombinieren wir detaillierte Messungen bei Einzelpersonen mit größeren Studien, an denen viele Teilnehmer:innen beteiligt sind. In der Regel korrelieren wir Hormonspiegel mit den uns interessierenden Ergebnissen oder prüfen, ob Hormonspiegel das jeweilige Ergebnis vorhersagen.
Wo finde ich mehr zu diesem Thema?
https://www.cbs.mpg.de/departments/neurology/cognitive-neuroendocrinology
https://www.instagram.com/cogneuroend/
https://www.nationalgeographic.com/premium/article/menstruation-brain-women-reshape
https://www.youtube.com/watch?v=Db0CSe20ouk
Werden Sie Teil der Forschung und nehmen Sie an unserer Studie teil, um dazu beizutragen, die Gesundheit von Frauen besser zu verstehen!
https://www.cbs.mpg.de/studiengesuche/mens-cycle-study-maennliche-probanden?c=2242803
https://www.cbs.mpg.de/studiengesuche/mens-cycle-study?c=1611127
Referenzen
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Where it's set
Über das Projekt
Science Streets ist ein Wissenschaftskommunikationsprojekt, das Wissenschaft in den Alltag bringt, indem es Leipzigs öffentliche Räume zu Lernorten macht. Für vier Wochen im August 2026 werden Science-Comics auf Werbeflächen (Litfaßsäulen, City-Light-Postern, Infoscreens, im öffentlichen Nahverkehr usw.) gezeigt. Das diesjährige Thema lautet Neurowissenschaften. Zehn Wissenschaftler*innen und zehn Illustrator*innen werden ausgewählt, um gemeinsam Comics rund ums Gehirn zu gestalten – die Wissenschaftler*innen liefern die Inhalte, die Illustrator*innen setzen diese künstlerisch um.
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